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145 Jahre TÜV AUSTRIA: Von der Inspektion zur Innovation

  •   11.06.2017
  •   Marketing
  •   erstellt von TÜV AUSTRIA Group

Stefan Haas, CEO der TÜV AUSTRIA Gruppe, über die neue Rolle des TÜV als „Geburtshelfer“ bei der Entwicklung industrieller Technologien und über die Notwendigkeit, Energieeffizienz ernst zu nehmen.

von Alexander Kohl, Business People

Die Geschichte von TÜV AUSTRIA begann vor 145 Jahren am 11. Juni 1872 als „Dampfkesseluntersuchungs- und Versicherungsgesellschaft“. Seither hat sich viel getan …

Das stimmt – unsere Gründung fällt in die Phase der ersten industriellen Revolution. Wir sollten damals als Entwicklungsbegleiter für die Industrie auftreten, weil die Dampftechnologie in der Einführungsphase einige Schwierigkeiten hatte. Heute reden so viele über Industrie 4.0; wir waren schon bei Industrie 1.0 dabei.

Wie ist die Rolle des Unternehmens heute, eine Art „TÜV 4.0“?

Es geht für uns schon längst nicht mehr ausschließlich um Prüfen, Überwachen und Inspektion. Wir wollen Technologiebegleiter sein. Industrie 4.0 ist jetzt in Entwicklung.

Noch gibt es keine Normen oder Regelwerke, nach denen man Prüfungen vornehmen könnte, sie entstehen erst. So lange möchten wir aber nicht warten. Wir wollen von Anfang an dabei sein, damit die Herausforderung bewältigt werden kann.

Wo liegen diese Herausforderungen konkret?

Einerseits hat man in der Idee von Industrie 4.0 durch die Vernetzung der Produktion enorme Vorteile hinsichtlich Flexibilität. Andererseits ist aber das Gesamtsystem wesentlich angreifbarer. Es ist eine Sicherheitsdebatte zu führen, die auf völlig neuem Niveau steht. Spätestens seit dem Stuxnet-Virus 2010 wissen wir, dass auch Industriesteuerungen anfällig sind gegenüber Angriffen von außen.

Stellen Sie sich einmal vor, was in einer total vernetzten Produktionskette passiert, wenn ein Element in dieser Kette durch einen Hackerangriff oder Industriespionage nachhaltig gestört wird. Produktion ist heute einem dramatisch höheren Risiko ausgesetzt. Und diesem müssen wir aktiv begegnen.

Im Moment ist die Industrie voll im 4.0-Hype. Wie hoch ist die Sensibilität auch für Themen der IT-Sicherheit?

Das Problem wird meiner Meinung nach viel zu wenig wahrgenommen, muss aber sehr wohl im Auge behalten werden: Eine vollautomatische Fabrik ist das Paradies schlechthin für jeden Hacker. Da einzudringen, werden viele versuchen – manchen wird es auch gelingen. Mit zum Teil verheerenden Folgen. Daher muss jetzt konzeptionell an die Sache herangegangen werden – vom ersten Glied der Entwicklungskette an.

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Neben der IT-Sicherheit geht es da auch um die physische Sicherheit. Etwa bei den neuesten Mensch-Maschine-Montagen. Diese Innovationen sind faszinierend: Schwerstlasten werden von Robotern gehoben, während der Mensch an einem anderen Teil des Werksstücks Feinmontagen erledigt. Früher hatte jeder seine eigenen Schutzräume. Nun verschmilzt beides. Damit gilt es jedoch viel höhere Sicherheitslevel zu garantieren als heute.

Was macht TÜV AUSTRIA, um dieses neue Level aufzubereiten?

Wir wollen Geburtshelfer der Technologien sein, die hier nötig sind. Auch bei den Kommunikationsstandards. Die vollautomatischen Maschinen müssen ja miteinander kommunizieren. Wie und unter welchen Parametern, das ist aktuell die große Frage. Derzeit läuft ein Standardisierungswettstreit zwischen amerikanischen und deutschen Unternehmen. Wer auch immer den Standard letztlich entwirft, er muss IT-Sicherheitsthemen von vorneherein berücksichtigen. Das werden wir beobachten und einfordern.

Wo liegen die größten Schwachstellen der vollautomatischen Fabrik und wie können Unternehmer vorbeugend agieren?

Wenn sämtliche Objekte in einer Fabrik flexibel zusammenarbeiten sollen, brauchen sie eine eindeutige Identifizierung: Maschine, Werkstück, Rohstoff – jedes Objekt muss lokalisier- und erkennbar sein, etwa mit eigenen IP-Adressen. Heute bedeutet aber genau das: Angreifbarkeit. Man muss also sein Produktionssystem von Beginn an so designen, dass Sicherheitslücken auszuschließen sind: entsprechende Mechanismen einbauen, interne Netzwerke bevorzugen, Protokolle abfragen etc.

Wann rechnen Sie mit dem flächendeckenden Durchbruch von 4.0?

Ich glaube nicht an eine völlige Revolution, wie das viele vermuten, es wird ein evolutionäres Verändern. Ich erwarte nicht, dass die Unternehmen in einer Dekade völlig anders produzieren als heute. Aber das eine oder andere Element aus 4.0 wird schon zur Anwendung kommen. Es ist der alte Traum der Industrie von der Losgröße eins. Der Traum aller Lean-Managementexperten, effizient für jeden einzelnen Kunden zu produzieren, ohne Kostennachteil. Industrie 4.0 ist das Vehikel, um dorthin zu kommen. Daher wird diese „(R)Evolution“ auch nicht mehr aufzuhalten sein.

Ein weiteres Thema, mit dem sich die heimische Industrie und Wirtschaft derzeit herumschlagen, ist die „Energieeffizienz“. Mit dem Bundesenergieeffizienzgesetz (EEffG) dazu soll diese nun auch in Österreich auf den Weg gebracht werden.

Ja, das sollte sie, aber – gestatten Sie mir den Einwurf: Ich bin sehr skeptisch, ob das Gesetz dazu der richtige Anstoß war.

Warum?

Der Weg wird in Österreich von der völlig falschen Seite beschritten. Wichtig wäre, dass Unternehmen die Chancen von Energieeffizienz erkennen. Ich komme aus der Industrie und weiß, dass eine Beschäftigung mit diesem Thema einen enormen Hebel haben kann – Einsparungen im Millionenbereich sind mit verhältnismäßig geringem Aufwand erzielbar. Wenn das den Marktteilnehmern nun aufgezwungen wird, sehe ich die Gefahr, dass sich viele nur auf die Einhaltung der Gesetze und das Erhalten von Nachweisen konzentrieren könnten, aber nicht losziehen und das Potenzial tatsächlich heben.

Wo sehen Sie in einem klassischen Betrieb die Anknüpfungspunkte, Energie zu sparen?

Es gibt endlos viele Möglichkeiten. Sämtliche Produktionszyklen können verbessert werden: Abwärme, Motoren, Supply Chains. Beleuchtung ist ein Thema – vor allem die Ausnutzung von Tageslicht. Zuletzt spielt auch das Fuhrparkmanagement eine Rolle.

In der produzierenden Industrie wird aber oft das signifikanteste Thema außer Acht gelassen: die Produkt­gestaltung, das Design. Wie viel Energie kann man durch geringe Adaptionen am Produkt einsparen? Da lohnt sich wirklich ein Blick hinter die Kulissen.

Wir sind hier wieder gerne von Beginn an dabei, denn gerade in diesem Umfeld gibt es Raum für die bahnbrechendsten Innovationen.

Stefan Haas, CEO TÜV AUSTRIA Gruppe, im Interview: "Von der Inspektion zur Innovation"

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