
Der Sommer 2026 war der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Rekordtemperaturen, extreme Trockenheit und sinkende Wasserstände zeigen, wie stark Unternehmen von funktionierenden Ökosystemen abhängen. Gleichzeitig werden die Berichtspflichten im Bereich Biodiversität vereinfacht. Warum das Thema dennoch auf jede ESG-Agenda gehört, erklären die TÜV AUSTRIA Expert:innen Carmen Weinold und Markus Schneidergruber.
Der letzte Sommer hat neue Maßstäbe gesetzt: Laut GeoSphere Austria war er der heißeste Sommer seit Beginn der Messungen. Rekordtemperaturen an mehr als 100 Messstationen, außergewöhnlich viele Hitzetage und Tropennächte sowie extreme Trockenheit machten die vergangenen Monate zu einer Belastungsprobe für Mensch, Natur und Wirtschaft. Zugleich zählt der Sommer 2026 zu den fünf niederschlagsärmsten Sommern seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.
Bei erster Betrachtung erscheint das Thema ausschließlich dem Klimabereich zuzuordnen zu sein, doch es entwickelt sich immer mehr zu einer strategischen Herausforderung für Unternehmen. Denn Biodiversität, Bodenqualität und Wasserverfügbarkeit beeinflussen nicht nur natürliche Lebensräume, sondern auch Lieferketten, Produktionsprozesse und die langfristige Resilienz von Organisationen.
Weniger Berichtspflichten, aber nicht weniger Verantwortung
Während die Auswirkungen von Hitze und Trockenheit zunehmen, werden die europäischen Nachhaltigkeitsberichtsstandards vereinfacht. Mit den geplanten Anpassungen der European Sustainability Reporting Standards (ESRS) sollen Unternehmen von administrativem Aufwand entlastet und der Fokus stärker auf wesentliche Nachhaltigkeitsthemen gelegt werden.
Gerade im Bereich ESRS E4 Biodiversität und Ökosysteme wurden Anforderungen reduziert und Berichtspflichten vereinfacht. Für ESG-Verantwortliche stellt sich daher eine zentrale Frage: Verliert Biodiversität dadurch an Bedeutung? Die klare Antwort lautet: Nein.

Markus Schneidergruber, Auditor für Managementsysteme & ESG-Reporting bei TÜV AUSTRIA„Die klimatischen Veränderungen dieses Sommers machen sichtbar, was in ESG-Risikobewertungen oft abstrakt erscheint: Unternehmen sind unmittelbar von funktionierenden Ökosystemen abhängig. Wasserverfügbarkeit, Bodenqualität und Biodiversität beeinflussen Standorte, Lieferketten und langfristige Unternehmensresilienz“
Wenn Umweltveränderungen zu Unternehmensrisiken werden
Was lange Zeit primär als Umweltthema betrachtet wurde, entwickelt sich zunehmend zu einem Thema des Risikomanagements und der Unternehmenssteuerung.
Beispielsweise können für Energieunternehmen niedrige Wasserstände Auswirkungen auf die Stromerzeugung aus Wasserkraft haben. Landwirtschafts- und Lebensmittelunternehmen sind auf gesunde Böden, ausreichende Wasserverfügbarkeit und funktionierende Ökosysteme angewiesen. Auch zahlreiche Industriebetriebe benötigen für ihre Produktionsprozesse eine sichere Wasserversorgung.
Genau an diesem Punkt setzt ESRS E4 an. Der Standard betrachtet nicht nur die Auswirkungen eines Unternehmens auf Biodiversität und Ökosysteme, sondern auch die umgekehrte Perspektive: Welche Risiken entstehen für Unternehmen, wenn natürliche Ressourcen knapper werden oder Ökosystemleistungen verloren gehen?
Biodiversität bleibt eines der anspruchsvollsten ESG-Themen
Während sich CO₂-Emissionen meist vergleichsweise gut quantifizieren lassen, sind Auswirkungen auf Ökosysteme, Artenvielfalt oder Bodenqualität deutlich schwieriger zu messen. Gleichzeitig können die ökologischen und wirtschaftlichen Folgen eines Biodiversitätsverlustes erheblich sein.
„Biodiversität zählt zu den anspruchsvollsten Themen im ESG-Bereich. Gerade deshalb sollten Unternehmen ihren Fokus nicht nur auf regulatorische Mindestanforderungen richten, sondern auf die tatsächlichen Auswirkungen und Abhängigkeiten ihres Geschäftsmodells“, betont Schneidergruber.
Flächenverbrauch, Versiegelung und Renaturierung im Fokus
Für Unternehmen lohnt sich daher ein genauer Blick auf die eigenen Standorte und Aktivitäten.
Besonders relevant sind dabei Fragen wie:
- Wie hoch ist der Flächenverbrauch?
- Wo werden Böden versiegelt?
- Welche Möglichkeiten zur Entsiegelung oder Renaturierung bestehen?
- Befinden sich Standorte oder Projekte in der Nähe sensibler Ökosysteme oder Schutzgebiete?
Jeder neu versiegelte Quadratmeter reduziert die Fähigkeit von Böden, Wasser aufzunehmen und natürliche Lebensräume zu erhalten. Gleichzeitig können Maßnahmen zur Renaturierung oder Entsiegelung einen positiven Beitrag zu Klimaresilienz, Wassermanagement und lokaler Artenvielfalt leisten.

Carmen Weinold, ESG-Expertin und Auditorin bei TÜV AUSTRIA„Die Ereignisse dieses Sommers zeigen deutlich, wie eng Biodiversität, Bodenqualität und Wassermanagement zusammenhängen. Naturnahe und resiliente Ökosysteme sind längst nicht mehr nur ein Naturschutzthema, sondern ein wirtschaftlicher Faktor.“
Biodiversität strategisch denken
Für ESG-Verantwortliche bedeutet das: Die Vereinfachung der ESRS sollte nicht dazu führen, Biodiversität aus dem Blick zu verlieren. Unternehmen sollten ihre Auswirkungen und Abhängigkeiten von Ökosystemen systematisch bewerten, standortbezogene Risiken berücksichtigen und geeignete Steuerungsgrößen entwickeln.
Denn nicht alles, was schwer messbar ist, ist deshalb auch weniger relevant. Im Gegenteil: Biodiversität entwickelt sich zunehmend zu einem Thema von Risikomanagement, Resilienz und langfristiger Wertschöpfung.
Unterstützung für Unternehmen
Die Anforderungen an Nachhaltigkeitsmanagement und ESG-Berichterstattung entwickeln sich kontinuierlich weiter. TÜV AUSTRIA unterstützt Unternehmen dabei, ESG-Risiken systematisch zu bewerten, Nachhaltigkeitsinformationen belastbar aufzubereiten und regulatorische Anforderungen praxisnah umzusetzen.
ESG am Prüfstand: Experten diskutieren aktuelle Entwicklungen
ESG steht aktuell im Spannungsfeld zwischen regulatorischer Entlastung und steigenden Anforderungen an Datenqualität, Nachweisbarkeit und Glaubwürdigkeit. Wie sich Nachhaltigkeitsmanagement unter diesen Rahmenbedingungen weiterentwickelt und welche Rolle Themen wie Biodiversität künftig spielen werden, diskutieren Expert:innen beim kostenlosen TÜV AUSTRIA TECH TALK „ESG am Prüfstand“.
23. September 2026 | 16:00 bis 17:00 Uhr
Vortragende
- Mag. Markus Schneidergruber, MSc, Lead Auditor Managementsysteme & ESG, TÜV AUSTRIA
- Ing. Andreas Schnitzer, MSc, Produktmanager Nachhaltigkeit, TÜV AUSTRIA