Julia Ettenauer, Head of Integrated Management Systems, sprach im Videointerview mit dem Industriemagazin über externe Sicherheitsfachkräfte und dem Unterschied zwischen Formblatt und dem Willen, die Arbeitssicherheit im Unternehmen besser zu machen.
Arbeitssicherheit hat oft das Image eines Pflichtfachs: Häkchen setzen, Protokoll ablegen, fertig. Doch zwischen „gesetzeskonform“ und „wirklich sicher“ liegt ein Raum, in dem Führung, Kultur und Alltag entscheiden – und genau dort beginnt der Unterschied, der Unfälle verhindert, Prozesse stabilisiert und Teams stärkt.
Das Minimum ist nicht das Ziel
In Europa ist Arbeitssicherheit keine Kür. Sie ist Pflicht – und das zu Recht. Das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) verpflichtet Arbeitgeber dazu, Gefährdungen zu erkennen, Risiken zu bewerten und wirksame Maßnahmen umzusetzen sowie deren Erfolg zu kontrollieren. Das klingt nach Papier, nach Formblättern, nach „einmal erledigt“. Genau hier entsteht laut Julia Ettenauer jedoch eine der häufigsten Fehlinterpretationen: Wer Arbeitssicherheit als Dokument versteht, behandelt sie wie einen Ordner im Regal. Wirksam wird sie aber erst als lebendiger Prozess – bei jeder Veränderung, bei jedem neuen Arbeitsmittel, bei jeder Umstellung in der Organisation.
Denn Gesetze definieren das Minimum: was man tun muss. Nicht zwingend das, was ein Unternehmen besser macht. Wer Sicherheit nur verwaltet, wird zwar formal korrekt sein – aber nicht automatisch sicherer. Und wer Sicherheit „lebt“, erlebt, dass der Pflichtgedanke leiser wird: weil der Sinn im Alltag sichtbar wird.
Externe Sicherheitsfachkräfte: Entlastung mit klarem Auftrag
Viele Betriebe, vor allem im industriellen Mittelstand, haben keine Vollzeit-Sicherheitsorganisation. Genau hier kommen externe Sicherheitsfachkräfte ins Spiel: Sie übernehmen hoch formalisierte Aufgaben, die sauber, korrekt und reproduzierbar laufen müssen – von Begehungen über Evaluierungen und Messungen bis zur Unterstützung bei Dokumentation, Behördenanforderungen oder Schulungen. Das ist Compliance-Arbeit, die Struktur braucht und Expertise verlangt.
Julia Ettenauer, Head of Integrated Management Systems, beschreibt die Logik dahinter pragmatisch: Standardisierte Pflichten müssen erfüllt werden – und dafür sind externe Spezialist:innen ideal.
Doch die Entlastung hat eine klare Grenze. Verantwortung, Entscheidungshoheit und Führung bleiben im Unternehmen. Sicherheit lässt sich nicht delegieren wie ein Paket an der Rezeption. Eine externe Fachkraft kann beraten, spiegeln, messen, trainieren – aber sie kann keine Vorbildwirkung ersetzen sondern nur stärken. Wenn Schutzmaßnahmen im Alltag nicht vorgelebt werden, bleibt jede Checkliste eine Kulisse.
Die Lücke zwischen Vorschrift und Wirklichkeit
Warum passieren Unfälle, obwohl „alles gemacht“ wurde? Weil Unfälle selten im Protokoll entstehen – sondern in Gewohnheiten, Zeitdruck und stillen Abkürzungen. Dort, wo der Arbeitsalltag lauter ist als die Regel. Dort, wo man „nur schnell“ etwas erledigt. Dort, wo sicherheitskritische Themen nicht offen angesprochen werden. Und dort, wo Mitarbeitende Maßnahmen als „für die Behörde“ wahrnehmen – statt als Schutz für sich selbst.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: „Erfüllen wir Vorschriften?“ Sondern: „Wie arbeiten wir tatsächlich – jeden Tag, in jeder Schicht, in jedem Team?“ Sicherheit ist kein Schild an der Wand. Sie ist das Geländer im Alltag: Es hilft nur, wenn man es wirklich benutzt.
ISO 45001: Vom Reagieren zum Steuern
Moderne Sicherheitsnormen gehen über technische Schutzmaßnahmen hinaus. ISO 45001 verbindet Arbeitsschutz mit verhaltensorientierter Prävention und kontinuierlicher Verbesserung – und macht damit aus Pflicht ein System. Der Perspektivwechsel ist deutlich: von „Wir erfüllen Gesetze“ hin zu „Wir steuern Arbeitssicherheit strategisch, messbar und ganzheitlich“.
Was verändert sich dadurch konkret? Arbeitssicherheit wird Teil der Unternehmensstrategie, nicht nur Aufgabe einzelner Rollen. Führung wird nicht entlastet, sondern integriert. Risiken werden proaktiv gemanagt, Prozesse nicht nur dokumentiert, sondern verbessert. Mitarbeitende werden beteiligt statt nur informiert. Kennzahlen und Analysen ersetzen Bauchgefühl – Trends werden sichtbar, bevor etwas passiert. In der Praxis bedeutet das: weniger Überraschungen, mehr Verbindlichkeit, bessere Entscheidungen.
Sicherheit, die sich auszahlt – in Zahlen, Stimmung und Qualität
Gute Arbeitssicherheit ist kein Kostenblock, sondern ein Produktivitätsfaktor. Weniger Verletzungen und Ausfalltage sparen reale Kosten. Gut gestaltete Arbeitsplätze stabilisieren Prozesse – und erhöhen Produktivität. Eine glaubwürdig gelebte Sicherheitskultur stärkt zudem die Mitarbeiterbindung, weil sie Wertschätzung zeigt: „Du bist uns wichtig – nicht nur deine Leistung.“
Aus der Praxis kennt Julia Ettenauer Beispiele, die genau diesen Hebel sichtbar machen: Ein systematisches Beinaheunfall-Management reduziert Unfälle, weil unsichere Zustände früh eliminiert werden. Ergonomieoptimierungen steigern die Leistung an Montagearbeitsplätzen. Strukturierte Sicherheitsrundgänge verringern Stillstände und beschleunigen Problemlösungen. Und ein verbessertes PSA-Management senkt Fehlerquoten bei risikoreichen Tätigkeiten.
Das Muster ist immer ähnlich: Wo Abläufe klarer werden, sinkt nicht nur das Unfallrisiko – oft steigt gleichzeitig die Qualität.
Vom „Brauch ma nicht“ zum „Warum nicht früher?“
„Das brauchen wir doch nicht“ hört man häufig – am Anfang. Doch wenn ein Unternehmen das Thema ganzheitlich angeht und regelmäßig Awareness schafft, kippt die Haltung: Führungskräfte ziehen mit, Mitarbeitende bringen eigene Verbesserungspotenziale ein, Sicherheit wird Normalität statt Sonderfall. Und irgendwann kommt der Satz, der zeigt, dass aus Pflicht eine Haltung geworden ist: „Warum haben wir das nicht früher gemacht?“
